Josef Neunzig

geboren am 1.3.1904 in Bedburg

gestorben am 4.8.1965 in Nymphenburg

Pastor von Bad Bertrich

Gegner der nationalsozialistischen Ideologie

Entzug der Lehrerlaubnis für katholische Religion

"Staatsfeind", weil er polnischen Zwangsarbeitern Geschenke gemacht hatte

KZ Dachau

 

Seine Heimat war das Erftland. In Bedburg wurde er am l. März 1904 als Sohn eines Zeitungsverlegers und Buchdruckereibesitzers geboren. Publizistik war ihm von Haus aus angeboren. Aufgeschlossenheit für alle menschlichen Probleme, Dialog und Beherrschung eines guten Stils waren ihm von Gott als gute Gaben geschenkt. An der Ritterakademie seiner Vaterstadt, die er von 1915 bis 1924 besuchte, wurde diese Anlage wesentlich gefördert.

Den Theologen zog es — obwohl Kölner Diözesane - mit dem Herzen nach Trier. Dort oblag er daher auch seinen philosophischen und theologischen Studien im Priesterseminar. Anschließend studierte er in Bonn Volkswirtschaft und in Freiburg i.B. Caritaswissenschaft und legte ein gutes Diplomexamen ab. Im März 1932 wurde er im Trierer Dom durch Bischof Bornewasser zum Priester geweiht. In Bedburg feierte er seine Primiz, zu der viele Kommilitonen gekommen waren. Zeitlebens blieb er in herzlichem Kontakt mit vielen Studentenverbindungen und wurde für manche junge Menschen zum Wegweiser und Berater. Teilnahme an Kommers und akademischen Festen waren ihm bis zum Lebensende Stunden, in denen er seine ganze Fröhlichkeit anderen Menschen schenken durfte.

Lebendiger Kontakt zu allen Schichten der Bevölkerung und echte Menschlichkeit gaben seinem Leben die Note.

Sein erstes Wirken als Kaplan leistete er in der großen Pfarrei Plaidt in der Pellenz. Der damalige Pfarrer Greweling schreibt über ihn: „Mein Kaplan ist nicht nur korrekt, sondern auch gewinnend, eifrig und ein Freund der Jugend in der Arbeit an Sturmschar und DJK. Er besitzt echte Führerqualitäten, weiß Jedenfalls andere tüchtig anzuspannen und zuweilen auch auszunützen." Von 1933-1935 arbeitete er in der Pfarrei Fraulautem als forscher Jugendseelsorger und baute mit an der Arbeit der Sturmschar in den Jahren des Kampfes, die uns allen unvergesslich sind. Weitere Etappe wird ihm Freisen, die kinderfrohe Gemeinde unter Pfarrer Stinner, der von ihm sagt: „Mein Kaplan ist kirchlich treu, sehr willig, konfratemell und beliebt bei Jung und alt."

Diese Jahre werden Kampfzeit für ihn, der offen und klar der braunen Flut entgegentritt – zuweilen m einer Art und Weise, die ihn zum Feind der Partei stempeln mußte. So kam er eines Morgens in die Freisener Schule und sah auf der Tafel den Tagesspruch: „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts in der Welt." Der Kaplan lächelt und sagt zu einem Kind: „Nimm die Kreide und schreibe darunter: ,Hochmut kommt vor dem Fall!' " Dann benutzt er die Stunde, um den Kindern zu erklären, was wirklich Gottesfurcht ist; er zeigt ihnen auf, daß alle Menschen und Rassen vor Gott die gleichen Rechte besitzen und sich echte Gerechtigkeit vor jeder Überheblichkeit bewahren muss. Das jedoch galt in den Augen der Partei als „Provokation der NSDAP" und endete mit langen Verhandlungen, in denen dem Kaplan die Erlaubnis zum Religionsunterricht entzogen wird. Bald nach Kriegsbeginn wird er von

der Regierung aus der Diözese Trier ausgewiesen. (...)

Eine Ehre für diesen Priester mit dem guten Herzen war seine Verhaftung am 23. August 1941 und seine Überführung in das Dortmunder Gefängnis. Weil er polnische Landarbeiter in seiner Gemeinde seelisch und karitativ unterstützt hatte, war er in dem Augen der Partei ein „Staatsfeind". So wurde am Fest des heiligen Lukas, des getreuen Arztes, am 18. Oktober 1941, Dachau sein Schicksal und der Ort eines großen Wirkens als Mensch und Priester.

In seinem Schutzhaftbefehl hieß es: ,,Wegen Verteilung von Geschenken an polnische Arbeiter gibt Pfarrer Neunzig Anlass zu Missstimmungen in der Bevölkerung." Tatsächlich liebte und bewunderte ihn die ganze Pfarrgemeinde von Halver, wie sie ihm auch nach Kräften bei seinem Liebeswerk geholfen hatte. (...)

Kurz vor Kriegsende wurde Josef Neunzig mit einer kleinen Schar von Priestern entlassen. Er blieb in der Nähe des Lagers! Oft kam er in Zivil als Käufer in die Plantage, wo noch bis zur Kapitulation Priesterhäftlinge arbeiteten. Er brachte viel mehr mit, wenn er kam, um den Hungernden zu helfen, als er mitnahm beim „Kauf" von Blumen oder deutschen Gewürzen. Bis zu seinem Tode besaß er einen erstaunlich großen Freundeskreis ehemaliger Gefangener aus allen Schichten, Nationen und Weltanschauungen. Man wird ihn nie vergessen.

1945 kehrte er heim in seine Pfarrvikarie Halver, begrüßt von jung und alt. Da nun nichts mehr im Wege stand, wieder in die Trierer Diözese zurückzukehren, übernahm er im Januar 1946 die Pfarrei Herdorf (Sieg). Von dort kam er 1956, da ihm seine Zuckerkrankheit ernsthaft zusetzte, als Pfarrer in den schönen Kurort Bad Bertrich. Hier verlieh ihm Professor Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz, und sein Bischof lohnte sein beispielhaftes Wirken im Dienst an den Gefangenen und Armen mit der Ernennung zum Geistlichen Rat.

Quelle:  Münch, Maurus: Unter 2579 Priestern in Dachau, 2. Auflage,
Trier 1970, S. 114-121

 

Hans Otto