Willi Körtels:

Marianne und Mathilde Levy, Konz

Marianne und Mathilde Levy waren zwei Schwestern, die unverheiratet in der Wiltingerstraße 48 in Konz wohnten. Es gibt kaum noch Zeitzeugen, die sich an sie erinnern. Lediglich eine Nachbarfamilie verwahrt ein Foto, auf dem zwei jüdische Personen zu sehen sind. Es handelt sich um Mathilde Levy, die auch Tilly genannt wurde, und ihren Vater Isaak Levy (geb. am 8.6.1854).

Auf dem eingangs erwähnten Foto fehlt Marianne Levy, da sie tagsüber in Trier bei der Firma Haas (Insel) beschäftigt war. Die Geschwister Levy hatten noch einen Bruder, Hermann Levy (geb. am 16.11.1891), der im Ersten Weltkrieg Soldat war, aber gefallen sei.

Marianne und Mathilde Levy waren Zeugen der antijüdischen Maßnahmen, die wie im gesamten Deutschen Reich vom Boykott der Geschäfte bis zur Arisierung jüdischen Besitzes in Konz reichte. Deswegen flohen sie ein erstes Mal bereits 1935 nach Luxemburg. Sie sind am 30. August 1935 bei Koppel Sally in Mersch gemeldet, der ein Cousin der beiden Frauen war. Bei ihm verbringen sie sechs Monate und erhalten von ihm „Kost und Wohnung“. Nach dieser Zeit wohnten beide Frauen wieder in Konz, denn die Liste der Konzer Juden von 1938 enthält sowohl den Namen von Marianne als auch von Mathilde Levy. Da der nächste Aufenthalt beider Frauen in Luxemburg am 17. November 1938 nach-gewiesen werden kann, ist davon auszugehen, dass Ma-rianne und Mathilde Levy unter dem Eindruck der verschärften antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten, vielleicht auch wegen der Vorgänge während der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 in Konz, erneut nach Luxemburg flohen. Als Wohnung wird Hotel Bristol in Bad Mondorf angegeben.

Der Viehhändler Jakob Joseph, wohnhaft in Bonneweg, Klosterstraße Nr. 3, beantragte am 29. November 1938 bei der Staatsanwaltschaft Luxemburg ein Gesuch zur dauernden Niederlassung von Marianne und Mathilde Levy. Aus diesem Dokument geht hervor, dass ein vergleichbarer Antrag bereits im Jahre 1935 gestellt, aber gemäß des Schreibens Nr. R 854-855 vom 11.1.1936 vom Justizministerium verweigert wurde. Jakob Joseph gibt zu Protokoll, dass er dieses Gesuch nur „gefälligkeitshalber“ eingereicht habe, in Wirklichkeit hätten beide Frauen die Absicht, in die USA auszuwandern. Er habe eine Kopie des Affidavits, d. h. Erlaubnis zur Einreise in die USA, Anm. des Verfassers, von ihnen erhalten sowie die bereits vom amerikanischen Konsulat in Stuttgart erteilten Quotennummern 27216 und 27217. Jakob Joseph bittet deshalb um eine „provisorische Niederlassung bis zu ihrer Abreise“, die noch sechs Monate in Anspruch nehmen werde. Für diesen Zeitraum will er beide Frauen bei sich aufnehmen und dafür sorgen, dass sie dem Luxemburgischen Staat nicht zur Last fallen werden. Die Staatsanwaltschaft vermerkt, dass Marianne und Mathilde Levy einen hohen Geldbetrag bei der Bank Generale du Luxemburg deponiert hätten. Trotz dieser finanziellen Sicherheit lehnt der Sicherheitsbeamte dieses Gesuch ab, da laut schriftlicher Mitteilung des Justizministeriums vom 25.11.1938 Luxemburg an der äußersten Grenze seiner Aufnahmefähigkeit von Emigranten angelangt sei.

Dennoch werden Marianne und Mathilde Levy nicht ins Nazi-Deutschland abgeschoben. Am 17. November 1939 meldeten sie sich in Bad-Mondorf, Hotel Bristol, das offenbar als Unterkunft für Ausländer bestimmt worden war, an, aber sie wohnen weiterhin bei Koppel Sally in Mersch, wie der Beamte feststellt. Da dieses Verhalten den Anordnungen des Justizministeriums widersprach, veranlasste ein Polizeibericht vom 21.12,1939, dass die Geschwister Levy ins Hotel Bristol einzogen. Aber schon am 19. Januar wechselte Marianne Levy wieder zu Jakob Joseph in Bonneweg. Aus diesem Grund wurde gegen sie wegen unterlassener Abmeldung ein Protokoll angefertigt. Jakob Joseph gibt am 25. Februar 1940 zu Protokoll, dass sich Marianne Levy in seinem Heimatdorf aufhalte, sie sei weitläufig mit ihm verwandt, aber sie sei nicht bei ihm beschäftigt. Beide Schwestern hätten ihre Möbel aus Deutschland kommen lassen, deswegen die deutsche Gesandtschaft und die Zollverwaltung öfters aufsuchen müssen und aus diesem Grunde hätte er beide verschiedentlich beherbergt. Marianne Levy sei bei Koppel Sally in Mersch gewesen und hätte bei ihm ihre Hausmöbel abgestellt.Aus einem Polizeidokument vom 6. März 1940 geht hervor,dass Marianne und Mathilde Levy seit dem 6. März 1939 im Hotel International in der Josef-Junk-Straße Nr. 4 in Luxemburg-Stadt untergebracht sind; sie sind unter den Nummern 59983 und 59982 polizeilich erfasst.

Am 10. Mai 1940 besetzte die deutsche Wehrmacht das Land Luxemburg. Dies führte zu einer Flucht der in Luxemburg Zuflucht suchenden Juden. Etwa 400 der nach Frankreich geflohenen Juden wurde von der Vichy-Regierung interniert, verhaftet und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Marianne und Mathilde Levy wurden nicht wie die anderen Juden von Konz nach Litzmannstadt, Minsk, Riga oder Auschwitz deportiert, sondern ihre Namen finden sich auf einer Liste des KZs Rivesaltes in Südfrankreich. - Ein Konzer Bürger, der der SS angehörte, will beide Personen im KZ Gurs, ebenfalls in Südfrankreich, gesehen haben. - Die Personenliste aus Rivesaltes weist Marianne Levy die Nummer 298 und Mathilde die Nummer 300 zu. Von beiden ist das Geburtsdatum vermerkt und ihre Nationalität wird mit „Allemagne“ angegeben. Marianne Levy ist am 12.11.1883 und Mathilde am 17.6.1885 geboren. Diese Geburtsangaben stimmen mit den in Konz bekannten und denen der Luxemburger Staatsanwaltschaft wie auch den Daten in Yad Vashem, Jerusalem, überein. Von Rivesaltes wurden beide Schwestern nach Drancy bei Paris verlegt. Von dort aus wurden sie mit dem Transport Nr. 31 am 11.9.1942 nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden. Es ist kein Todestag bekannt.

Über die Zustände in den Lagern um Paris informiert ein Bericht, der in der Londoner Exilzeitung „Die Zeitung“ am 28. Mai 1943 erschienen ist. Nur einige Auszüge sollen die Situation verdeutlichen: Die Verhafteten verbrachten die ganze Nacht im Freien, unter grellem Licht, eng aneinander gerückt, um sich warm zu halten, betend...Alle Viertelstunde wurde eine neue Liste angeschlagen, die die Namen der zur Deportation Bestimmten enthielt. ... Während der Vorbereitungen zur Deportation ereichte der Sadismus seinen Höhepunkt. Die zum Abtransport nach dem Osten Auserwählten werden im Hof zwischen Stacheldraht zusammen getrieben, den Männern werden die Köpfe glatt geschoren, sämtliche Verurteilte werden einer strikten Leibesvisitation unterzogen. ... Nach einer im Freien verbrachten Nacht erscheint am nächsten Morgen um 6 Uhr der SS-Lagerleiter Danecker., der sie mit Gummiknüttel-Hieben auf die bereitstehenden Lastwagen treiben lässt. Den Zurückbleibenden ist verboten, vom Fenster her der Abfahrt zuzuschauen, versuchen sie es, so werden sie angeschossen. Die Deportierten befinden sich in verplombten Waggons, sie erhalten weder Wasser noch Nahrung. Männer und Frauen verrichten ihre menschlichen Bedürfnisse ohne Scham an Ort und Stelle.

Heute erinnern in Konz an die Existenz von Marianne und Mathilde Levy lediglich ihre Namen, die in vorhandene ältere Grabsteine auf dem jüdischen Teil des Konzer Hauptfriedhofs eingraviert sind., Das „Vorläufige Gedenkbuch für die Juden von Trier 1938- 1943“ gibt keine Auskunft über die Schwestern Levy aus Konz, weil sie in den in Trier vorhandenen und ausgewerteten Deportationslisten nicht zu finden sind. Seit wenigen Jahren stehen ihre Namen auf den Gedenksteinen des Memorial de la Shoah in Paris.

Quelle: unveröffentlichtes Material

 

Reinhold Lofy