René Herrmann

geboren am 24.1.1929 in Greimerath

jüdischen Glaubens

KZ Riga 

wanderte 1945 nach den USA aus

René, zweiter von rechts

Rene Herrmann berichtet:„Während meiner Kindheit hatte meine gesamte Familie ein gutes Verhältnis zu den Greimerather Bürgern. Sie kauften Fleisch und Wurst bei meinem Vater, der die einzige Metzgerei im Dorf hatte, und kamen regelmäßig in die Wirtschaft und am Wochenende in den Tanzsaal. Es gab eigentlich keine Probleme. Auch nach 1933 war das Verhältnisfreundlich und gut. Ich ging von April 1935 bis November 1938 zur Volksschule. Es waren glückliche und schöne Jahre, die wir in Greimerath verlebten. Die Leute hatten kein schlechtes Wort für uns. Es gab keinen Unterschied zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Kindern. Der einzige, der in Greimerath NS-Uniform trug, ein Förster, kam zu uns bis zu unserem letzten Tag am Ort. Er war genauso viel Nazi wie mein Vater. Erst sehr spät merkten meine Eltern, in welcher Gefahr wir uns befanden. Anders als in anderen Orten, wie in Freudenburg, gab es bis zur , Kristallnacht ' 1938 keine judenfeindlichen Vorfalle. Wir wollten nicht weggehen, es ging uns doch gut. Wir hatten ein Geschäft, Land und konnten arbeiten.

Wäre dies nicht so gewesen, wären wir ausgewandert.

Während der , Kristallnacht' verwüsteten Losheimer und Saarburger SA-Männer unsere Wohnung und warfen Mobiliar und Wäsche auf die Straße. Anschließend wurde ein Trierer Jude namens Siegfried Leib, der in Greimerath arbeitete, mit einem Schild ,Ich bin ein Judenschwein' durch das Dorfgetrieben. Die Dorfbevölkerung war entsetzt und aus Angst vor der gewalttätigen, bewaffneten Truppe von fremden SA-Männern unfähig zur Hilfe. Ein RAD-Führer, der mit seinen Leuten bei uns einquartiert war, verhinderte, dass man alle Zimmer verwüstete. Nach dem Abzug der SA-Horde halfen uns Greimerather Männer, die abends von der Arbeit kamen, beim Aufräumen. Sie waren genauso geschockt wie wir.

Vor Kriegsbeginn wurden dann zahlreiche Wehrmachtssoldaten und Westwallarbeiter bei uns einquartiert. Am 03.07.1939 veräußerten meine Eltern ihr Hausanwesen einschließlich des Inventars des Gasthauses und der Metzgerei sowie ihr sonstiges Grundeigentum für 19.350 RM. Anschließend ging die ganze Familie mit Onkel Theo zunächst nach Trier, dann im Herbst nach Köln und fand dort bei meiner Tante Berta, der Schwester meines Vaters, Unterschlupf. Wir Kinder besuchten eine jüdische Schule und bleiben insgesamt 2 1/2 Jahre in Köln. Dort haben wir zum ersten Mal am eigenen Leib erlebt, was Antisemitismus bedeutet, als wir den Judenstern tragen mussten. Am 06.12.1941 wurden wir alle nach Riga deportiert, wo wir vier Tage später ankamen. Dort lebten wir im Ghetto, wo mir Berthold Heymann aus Freudenburg begegnete.

Als das Ghetto Ende 1943 aufgelöst wurde, trennte man unsere Familie: Meine Schwester Amalie wurde nach Stutthof gebracht, wo an ihr medizinische Versuche durchgeführt wurden, an denen sie im Frühjahr 1945 starb. Bernhard, der bereits zuvor mit anderen Männern im Alter von 18 bis 25 Jahren im sog., Mörderlager' Salaspils von Dezember 1941 bis Juni 1942 zum Teil bei strengster Kälte und ohne entsprechende Bekleidung Holzfäller- und andere Zwangsarbeit leisten musste und dabei schwere körperliche Schäden erlitten hatte, kam nach Kaiserwald. Wir anderen wurden im KZ Riga zur Zwangsarbeit verpflichtet und mussten für das .Armeebekleidungsamt' die Uniformen gefallener deutscher Soldaten reinigen und reparieren. An Jom Kippur, d.h. im September 1944, standen russische Truppen vor dem Lager, das daraufhin evakuiert wurde. Mein Vater, Kurt und ich wurden auf ein Schiff gebracht, das nach Stutthof fuhr, während meine Mutter mit ihrer Arbeitskolonne in Riga zurückgehalten wurde. Auf diesem Schiff trafen wir Bernhard wieder. Von Stutthof aus wurden wir noch im September 1944 in das Lager Burggraben in der Nähe von Lauenburg eingewiesen. Von hier ausführen wir jeden Tag nach Danzig und arbeiteten dort auf einer U-Boot-Werft.

Als die Russen bis hierher vorgerückt waren, mussten wir im Januar 1945 bei hohem Schnee und tiefen Temperaturen zu Fuß nach Goddentow marschieren. Bei diesem Marsch starben viele oder erlitten wie Bernhard schwere Erfrierungen; auch ich hatte Frostbeulen an beiden Füßen. Auch Goddentow wurde schließlich evakuiert: Die Häftlinge wurde in die Wälder geführt und exekutiert. Ich blieb mit meinem Vater und meinen Brüdern, da Bernhard nicht mehr gehen konnte, im Lager zurück. Dieses wurde im März 1945 zunächst von den Russen beschossen, wobei ich von einigen Granatsplittern verletzt wurde, und am 10.03.1945 befreit. Mein Vater überlebte die Befreiung schwer krank nur um wenige Tage. Meine Brüder und ich kamen in ein russisches Armeehospital in Lauenburg, wo wir, abgemagert - ich wog nur noch 79 Pfund - und typhuskrank, behandelt wurden. Wir wollten aber nicht im russisch beherrschten Gebiet bleiben, verließen daher Mitte September das Hospital und gelangten mit Hilfe eines russischen Majors über Posen und Stettin nach Berlin. Dort blieben wir ungefähr drei Monate: Kurt und ich lebten in einem jüdischen Altenwohnheim, Bernhard verbrachte die Zeit im Krankenhaus.

Nachdem Kurt in Lauenburg erfahren hatte, dass unsere Mutter von Riga am 02.10.1944 nach Libau gekommen und dort angeblich bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sei, hatten wir angenommen, auch die Mutter verloren zu haben. In Berlin trafen wir aber eine Frau, die wir aus Riga kannten. Sie erzählte uns, dass sie Briefe aus Schweden bekommen habe, die mit ,Rosel' unterzeichnet waren. Als wir diese sahen, erkannten wir die Handschrift unserer Mutter und wussten, dass sie noch lebte. Sie war Ende Februar 1945 von Libau in das Zwangsarbeiterlager Hamburg und dann nach Kiel gekommen, wo sie und andere am 04.05.1945 vom schwedischen Diplomaten Graf Bernadotte freigekauft worden waren. Wir telegraphierten ihr sofort ‚Berni, Kurt, Rene -o.k.'.

Wir gelangten Anfang Dezember 1945 mit Hilfe der Flüchtlingsorganisation der UN (UNRA) über die Grenze der SBZ nach Hannover und von dort nach Trier, wo wir einige Zeit bei einer Tante lebten, die den Krieg '"Interviews mit Herrn Rene Herrmann, 26.10.1997, 15.07.1998; vgl. Archiv Yad Vashem. Jerusalerr in Trier überlebt hatte; Bernhard kam ins Mutterhaus, da er noch immer an den erlittenen Erkrankungen und Erfrierungen litt und — u.a. wegen des Verlustes von zwei Zehen des linken und drei Zehen des rechten Fußes - nicht gehen konnte. Kurt und ich kehrten nach Greimerath zurück; hier wohnten und arbeiteten wir bei Greimerather Bauern.

Da unsere Mutter nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wollte, entschlossen wir uns, zunächst nach Schweden und dann mit ihr in die USA auszuwandern. Daher unternahmen wir - wiederum mit Hilfe der UNRA einen Versuch, nach Schweden zu gelangen. Wir wollten uns in Hamburg einschiffen, wurden jedoch von den Briten zurückgehalten, die uns nicht außer Landes lassen wollten, da wir Deutsche waren.

Mit gefälschten Pässe gelangten wir doch noch im August 1946 über Dänemark nach Stockholm, wo wir Mutter nicht mehr antrafen, die bereits am 03.06.1946 ein Schiff in die USA genommen hatte. Wir nahmen Kontakt mit den dort lebenden Freudenburgern Ludwig und Ferdinand Samuel auf und waren in einer Art Kibbuz für Überlebende der Konzentrationslager untergebracht. Anfang Dezember 1946 verließen wir Schweden, landeten am 22.12.1946 in Baltimore und wurden vorläufig im deutschen Seemannsheim untergebracht. Unsere Mutter und die Freudenburger Verwandten, die seit den 30er Jahren in New York waren, trafen wir im Stadtteil Highview, N. Y., wieder, wo sich viele deutsche Emigranten niederließen und das man deshalb damals ,Das vierte Reich´ nannte.

Da wir über kaum finanzielle Mittel verfügten, begann ich im Januar 1947 in einer Fabrik zu arbeiten und besuchte Abendkurse, um Englisch zu lernen. Bernhard heiratete, erholte sich aber nie von seinen Leiden und starb am 14.08.1951. Ich machte eine dreijährige Ausbildung als Metalldreher, wurde zur US-Armee eingezogen und war eine Zeit in Erlangen stationiert. Später handelte ich mit Immobilien und betrieb 25 Jahre eine Garagenvermietung in Manhattan. Heute lebe ich von meiner Rente in Fair Lawn."

René heiratete 1957 die aus Würzburg stammende Marion Fröhlich (*24.12.1936), mit der er zwei Kinder hat.

 

Quelle: Heidt, Günter/ Lennartz, Dirk S.: Fast vergessene Zeugen, Norderstedt 2000

Norbert Hirschkorn